Ich hab's getan - ich hab' gefastet

Christen tun es, Moslems tun es, Juden tun es - in allen Weltreligionen wird gefastet, wenn auch in unterschiedlichen Formen. Immer jedoch ist das Ziel das gleiche: Körper und Geist sollen durch den Verzicht auf Nahrung gereinigt werden.

 

Dr. Otto Buchinger, Begründer des Buchinger-Heilfastens, wusste aus eigener Erfahrung, dass viele chronische Krankheiten durch Fasten geheilt oder gelindert werden können. Dieses Heilfasten nannte er den "Königsweg der Heilkunst". TZ-Mitarbeiterin Ursula Konder hat sich auf diesen Weg gemacht - und musste so manchen Stolperstein beiseite räumen.

Von Ursula Konder

Die Blutkontrolle soll zeigen, ob meine Gesundheit gelitten hat.Die Blutkontrolle soll zeigen, ob meine Gesundheit gelitten hat.Die Blutkontrolle soll zeigen, ob meine Gesundheit gelitten hat.Doch, ja! Ich bin ein Genussmensch. Keiner, der sich jeden Tag alles gönnt, doch wenn er sich was gönnt, dann ganz bewusst und sehr intensiv. Ein Stück Zartbitterschokolade auf der Zunge, die Augen geschlossen, sich ganz dem zarten Schmelz hingeben – wunderbar. Die frische Frühlingsluft bei Sonnenaufgang einatmen – Genuss pur. Für die Seele, für das innere Wohlbefinden – und somit auch für die Ausstrahlung. Zigeunerschnitzel mit Pommes. Hmm, auch lecker. Und Kaffee – Kaffee liebe ich. Anderthalb Liter pro Tag sind da nix. Ach, es gibt einfach so viele Dinge, die ich mag.

Jedoch, ich bin auch ein Mensch, der sich bescheiden, komplett reduzieren kann. In allen Dingen. Nur auf einer Matratze auf dem Boden im leeren Zimmer schlafen, ein langes Jahr lang. Auch das habe ich gelebt – vor zehn Jahren, als ein Feuer alles zerstörte, was ich mir aufgebaut hatte und schlichtweg das Geld fehlte für ein neues Bett. Vergangen, aber nicht vergessen. Der Lerneffekt war groß: Der Mensch braucht ganz wenig – ein Dach überm Kopf, eine Feuerstelle, Nahrung. Doch selbst auf Letzteres kann man verzichten. Zumindest eine Zeitlang. Das nennt sich dann Heilfasten, und genau auf dieses Abenteuer lasse ich mich für die nächsten Wochen ein.

"Wie, gar nichts essen? Das geht doch nicht", "Du bist verrückt!", "Ich würde niemals auf alles verzichten!", "Warum sollte man so was tun?" "Da kannst du doch nicht arbeiten" "Das ist ja ekelhaft." Nur ein kleiner Ausschnitt, wie Freunde, Familie und Kollegen reagieren, als ich mein Vorhaben ankündige. "Ich faste auch: Die nächsten Wochen gibt es nur Obst und Gemüse", verkündet jemand. Der andere lässt Kaffee und Internet weg, der Nächste isst wochenlang kein Fleisch. Alles schön und gut, doch das ist nicht Fasten. Das ist lediglich Verzicht.

Fasten ist das, was Jesus in der Wüste gemacht hat. 40 Tage lang, zur inneren Einkehr und Erleuchtung des Geistes. So lange werde ich das wohl kaum schaffen, aber auf den Blick in mein Inneres und ein klein wenig Erleuchtung hoffe ich auch: Wo stehe ich, wo will ich hin, beherrschen mich meine Laster oder bin ich diejenige, die diese Dämonen zurück in die Hölle schickt, und wie verkraftet mein Körper den Verzicht?

Vor vielen Jahren habe ich schon einmal gefastet. Dennoch besorge ich mir ein Buch übers richtige Fasten nach Otto Buchinger. Zum Dranfesthalten und Hochziehen, denn Fasten ist wie eine Bergtour, auf der man ab und an viel lieber umkehren möchte.

Zweikampf

Zwei Tage lese ich mich ein, und mir dämmert langsam wieder, auf was ich mich da einlasse. Der Kampf wird hart, denn ich muss mein Abendritual aufgeben. Heißt: Feierabendkaffee und Zigaretten weg. Ich überlege krampfhaft, wer gesagt hat, dass der Mensch Rituale braucht. Zwei Tage vor Fastenbeginn soll ich schon mit dem Rauchen aufhören, damit sich der Körper entwöhnt – er hat mit der Umstellung auf nichts mehr essen mehr als genug zu tun, sagt Buchinger. Das hört sich gar nicht nett an, dennoch: Ich nehme mir vor, mit dem Nichtrauchen sofort anzufangen. Nein, nicht gleich – später, erst nochmals einen Kaffee trinken und ein Stängelchen rauchen. Da sind sie, die Dämonen und lachen sich über mich schlapp.

Erst in der dritten Runde zwinge ich den Gegner endlich in die Abfalltonne, Schachtel weg, Deckel zu, tschüss auf hoffentlich Nimmerwiedersehen, meine Fastenzeit beginnt.

Am ersten Tag steht Einkaufen für die kommenden Tage auf dem Programm. Ja, auch ohne Essen. Zum Einstieg wird "entlastet", heißt: über den Tag verteilt 1,5 Kilo Obst und Gemüse essen. Obendrauf mindestens 3 Liter Wasser. Kein Problem, ich liebe Frischkost, nur – wie ich die 3 Liter schaffen soll, ist mir noch nicht so recht klar.

"Müllabfuhr"

Ich hasse das. Glaubersalz, allein das Wort sorgt in meinem Kopf für ungute Turbulenzen. In mir sträubt sich so ziemlich alles. Während ich Minzeblätter in die Teekanne zupfe, versuche ich mich mental auf das Glaubern einzustellen. Denke daran, wie gut das Fasten mir beim letzten Mal getan hat. Schütte heißes Wasser in die Teekanne, der frische Minze-Geruch steigt mir in die Nase. Okay. Ich schaffe das. Löse das Salz in Wasser auf. Setze mich mit Minze-Tee und Salzwasser in den Wintergarten. Los geht’s. Eine Viertelstunde später hab’ ich das Ticket für die körpereigene Müllabfuhr gelöst. Die Turbulenzen im Kopf sind verschwunden, dafür regen sie sich demnächst im meinen Darm. Heute gilt die Devise: Immer schön in der Nähe des Badezimmers bleiben und trinken, trinken, trinken.

Doch meistens kommt es anders, als man denkt. Meine Tochter ruft an, ein familiärer Notruf. Ich muss sofort kommen, eine halbe Stunde Autofahrt liegt vor mir. Ich habe keine Ahnung, wann der Müllmann anklopft. Also packe ich alles ein und mache mich darauf gefasst, auf halber Strecke raus aus dem Auto und rein in den Wald springen zu müssen. Doch ich komme ohne Stopp an, übernehme meine Enkelin – und harre der Dinge, die da kommen.

Gottlob ist die Dreijährige einige Stunden später müde gespielt. Omas Bauch ist zwar komplett leer, doch dafür hab’ ich irgendwie Watte im Kopf, Pudding in den Beinen, Unmengen Wasser im Bauch, bin schlapp, todmüde und mir brummt der Schädel. Kind und Oma kuscheln sich auf die Couch und nach einer Stunde Tiefschlaf geht es mir besser. Die Kopfschmerzen sind weg, doch dafür die Lust auf eine frische Laugenbrezel da.

Folterkammer

Tag 3, es geht mir gut. Doch nach Treppen steigen, anziehen, waschen und Zähne putzen könnte ich mich glatt wieder ins Bett legen, so kaputt fühle ich mich. Zum Frühstück gibt es Fencheltee. Mit einem halben Teelöffel Honig. Und die Kopfschmerzen sind wieder da. Wasser, Wasser, Wasser – trinken, trinken, trinken. Bis 11 Uhr gluckern in mir mindestens 2 Liter Flüssigkeit. Dennoch: Mein Denkvermögen lässt zu wünschen übrig, immer wieder muss ich meine Arbeit unterbrechen, fällt das Schreiben verdammt schwer.

Mein Gehirn scheint gerade Urlaub zu machen. Und zu allem Elend werden in meinem Ofen – danke, mein Sohn – gerade 5 Laugenbrezeln aufgebacken. Ich will nur noch eines: Auf die Couch, warm eingepackt eine Runde schlafen, das Gehirn komplett ausschalten. Sohnemann versorgt mich mit zwei Wärmekissen – eines für die Füße und eines für den Bauch – und ruck, zuck bin ich mit dem wunderbaren Geruch von Laugenbrezeln in der Nase eingeschlafen.

Als ich wach werde, ist der Geruch mit samt den Brezeln verschwunden. Ich bin dann auch mal weg, mit meinem Wauzi draußen. Eine halbe Stunde an der frischen Luft tut gut. Wunderbar, alles wieder bestens. Doch kaum zu Hause hab’ ich das Gefühl, ich brauche dringend Kohlenhydrate: Brot, Nudeln, irgendwas zum Kauen. Ja, ich will in irgendwas reinbeißen. Jetzt und sofort. Mein Gehirn ist urplötzlich wieder vom Urlaub zurück. Ich gehe schnurstracks in die Küche – und schnappe mir meine Wasserflasche. Trinken, trinken, trinken. Brühe Früchtetee auf. Brauche dringend etwas Schmackhaftes. Wieder muss ich mich hinlegen. Alle Muskeln schmerzen. Gut so, denn ich weiß: Ab jetzt baut mein Körper eingelagerte Giftstoffe ab. Ein paar Tage wird es wohl noch brauchen, bis der ganze angesammelte Mist abtransportiert ist.

Das böse O-Wort  

Heute ist Tag 5, der erste Tag, an dem es mir richtig gut geht. Der Kreislauf ist stabil, die Lust auf Arbeit zurück. Und: Zum ersten Mal passt wieder eine Jeans, die seit Jahren im Schrank geparkt war. Nein, beim Fasten geht es nicht ums Abnehmen. Dennoch habe ich einige Kilos verloren. Um genau zu sein: 3,5 in den ersten fünf Tagen. Es geht den bösen Fettdepots an die Substanz. Niemand will sie, schon gar nicht wir Frauen.

Und schon gar nicht in Regionen, die für uns sowieso meist Problemzonen darstellen. Denn diese Dinger verursachen das, was frau noch nicht einmal aussprechen mag. Es ist das böse O-Wort, hat mit Obst zu tun und ist das Gegenteil von einer schönen glatten Pfirsichhaut. Doch gerade durch das Fasten sollen die Dellen verschwinden, prophezeit Buchinger. Allerdings nur wenn frau sich an die Regeln hält: Kaltduschen nach Kneipp, Massage mit Lufa-Handschuh, einreiben mit Öl, laufen mit Sportdress. Das Programm nimmt einen halben Tag in Anspruch, und ich befürchte, frau muss auch daran glauben. Denn der Glaube versetzt ja bekanntermaßen Berge. Mir würde es schon reichen, wenn er Fettpolster versetzen könnte.

Eine Woche Fasten liegt hinter mir. Morgens gibt es Tee mit einem halben Teelöffel Honig und Zitronensaft, mittags einen Viertelliter Gemüsebrühe mit Hefeflocken für Magnesium- und Mineralstoff-Zufuhr, abends einen Viertelliter Obstsaft und dazwischen immer wieder Tee oder Wasser. 300 Kalorien sind erlaubt.

Unbändige Gelüste

Gerade noch bin ich stolz die ersten sieben Tage so gut hinter mich gebracht zu haben, da überkommen mich unbändige Gelüste. Schnitzel ziehen an meinem geistigen Auge vorüber, Hackbraten, Rumpsteak, knusprige Hähnchen – mir bricht der Schweiß aus bei den Gedanken an die Leckereien. "Ich brauche Eiweiß", signalisiert mein Kopf. Nicht flüssig. Nein. In gebratener Form, außen kross, innen blutig. Ich komme mir vor wie ein Vampir, der nach einem Opfer sucht.

Selbst als ich meine Enkelin abhole, bekomme ich die Gelüste nach Fleisch nicht weg. Und jetzt muss ich für die Kleine auch noch kochen. Mit aller Macht verbanne ich die Dämonen hinter Schloss und Riegel und beschließe: Es gibt nur Kartoffelsuppe – mit Wiener Würstchen, die mochte ich sowieso nie. Allerdings riechen die heute irgendwie verdammt gut. "Komm, ess mich!" – "Ganz bestimmt nicht." – "Warum nicht?" – "Ich mag dich nicht!" – ich fasse es nicht, führe ich gerade einen Dialog mit einer Wurst. "Oma, ich hab’ Durst!" Annabelle unterbricht das nonverbal geführte Gespräch mit dem Würstchen, ich schüttele den Kopf und quäle mich durch den Rest des Tages.

Dicke Tränen

Dieses Mal habe ich echt zu kämpfen. Es ist Tag 8 nach "Müllabfuhr" und ich bin auf dem Weg in die Redaktion. Mann, wie ich mich nach etwas Kaubarem sehne. Einfach nur einen Apfel schmecken, oder Pasta mit Lachsstreifen, oder Kartoffeln, oder ein Käsebrötchen . . . Und während ich viele Gedanken an noch mehr Kohlenhydrate verschwende, fällt mir meine beste Freundin ein. Nach mehreren Chemos konnte sie nichts mehr essen. Essen war gleich Schmerz. Ich habe sie nie gefragt, ob ihr das Kauen gefehlt hat, ob sie sich nach ihren Lieblingsspeisen gesehnt hat. Nein, wir haben nie über solche Dinge gesprochen. Wir haben vieles nicht gemacht, was wir tun wollten, denke ich, während dicke Tropfen auf meine Jacke fallen.

Einen Tag später ist die Depri-Phase vorbei, doch mein Motor läuft heute morgen nur schwer an. Irgendwie hat bei mir jemand die Handbremse gezogen und sie lässt sich nicht lösen. Heute ist Durchhänge-Tag, ich muss meinen Kreislauf im Keller suchen. Kein Wunder: Von einem Tag zum anderen ist mehr als ein ganzes Kilo weg, der Körper hat über Nacht Schwerstarbeit geleistet, Fett verbrannt (ich hoffe, es sind schon die Reserven) und das macht sich bemerkbar. Mittags muss ich meine Arbeit unterbrechen, stramm durch die Stadt laufen, damit mein Blutdruck ein erträgliches Maß erreicht. Ich gönne mir einen zusätzlichen Obstsaft. Wenn das morgen nicht besser ist, werde ich wohl das Fasten abbrechen müssen.

Gute Tage folgen, ohne Gelüste, ohne Kopfschmerzen. Nach 17 Tagen ohne feste Nahrung jedoch ist Feierabend. Ich habe während des Fastens zu viel gearbeitet, zu viel zu schnell abgenommen. Acht Kilo insgesamt. Mein Hausarzt bescheinigt mir zwar top Blutwerte, doch ich fühle mich schwach auf den Beinen und breche das Fasten drei Tage früher ab als vorgesehen.

Ich sehe es nicht als Niederlage. Auch wenn sich mein Chef über mich als "Fastenbrecher" lustig macht. Meinen persönlichen Kampf habe ich gewonnen: Ich habe über mich und mein Leben nachgedacht, Klarheit in vielen Dingen gefunden, komplett vergessen, dass ich geraucht habe, meine Schlafprobleme sind verschwunden und ich freue mich über eine Kleidergröße, die mir schon lange nicht mehr gepasst hat. Nur meine Haut gefällt mir nicht, denn während mein Geist neue Frische verspürt, sehen meine Hände eher nach Dörrobst aus. Doch das wird wieder vergehen. Was bleibt, ist die Einsicht, dass nicht meine Dämonen mich im Griff haben, sondern dass ich mehr denn je meines Glückes eigener Schmied bin. (7)

Usinger Neue Presse

Erzählen Sie mir Ihre Fasten-Erlebnisse

Auf meinem Weg durch die Fastenzeit habe ich viele Menschen getroffen, die auch schon einmal gefastet haben. Gehören auch Sie dazu? Was haben Sie in Ihrer Fastenzeit erlebt? Haben Sie gelitten, aber dennoch einen klaren Blick auf die Gegenwart gewonnen und dadurch neue Pläne für die Zukunft angepackt? Haben Sie vielleicht sogar Dinge über Bord geworfen, die Sie schon viel zu lange mit sich herumgeschleppt haben? Fasten Sie regelmäßig oder würden Sie es nie wieder tun?

Schreiben Sie mir doch einfach Ihre Erfahrungen und Erlebnisse. Ich freue mich auf Ihre Zuschriften.

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