"Keine Ahnung" haben kann fatal sein

Das Musical der Jugendpflege Wehrheim hat Tiefgang

Provokationen des Publikums, Sozialkritik, Schelte für die Erwachsenen: Das Musical der Jugendpflege geizte nicht mit Überraschungen.

 

Von Ursula Konder

 

Wehrheim. Verlogen und scheinheilig und überhaupt nicht gut auf die Jugend zu sprechen: Willi (Marcel Kapahnke l.) Gertrud (Andrea Jacobs) und Heinz (Ralf Spengler).Verlogen und scheinheilig und überhaupt nicht gut auf die Jugend zu sprechen: Willi (Marcel Kapahnke l.) Gertrud (Andrea Jacobs) und Heinz (Ralf Spengler).

Verlogen und scheinheilig und überhaupt nicht gut auf die Jugend zu sprechen: Willi (Marcel Kapahnke l.) Gertrud (Andrea Jacobs) und Heinz (Ralf Spengler).

Stille herrscht im großen Bürgerhaussaal. Rund 120 Gäste warten gespannt darauf, dass sich der Theatervorhang hebt. Nur vier Jugendliche laufen umher, machen sich darüber lustig, dass in der ersten Reihe noch Plätze frei sind und geben Parolen von sich, die eigentlich niemand hier hören will. Ziemlich unsympathisch diese Typen, vor allem der Punk mit der Schnapsflasche . . .

Wehrheims Jugendpfleger Gunther Gräfe ist auch da und ermahnt die Vier: "Wenn ihr nicht ruhig seid, müsst ihr halt wieder gehen." Doch die drei mosern zurück – und langsam wird das Publikum unruhig. Keiner traut sich, was zu sagen, die meisten tun so, als ginge sie das ganze Szenario nichts an, schauen verschämt weg, hoffen, dass nichts passiert und sich die Situation schnell wieder entspannt.

So, wie es im richtigen Leben auch immer wieder ist, wenn Zivilcourage fehlt.

Dann setzt die Musik ein, übertönt das unangenehme Gegröle der jugendlichen Außenseiter. Doch was tun die: Die stürmen wahrhaft die Bühne. Einige Zuschauer-Kinnladen fallen herunter, und es dauerte noch einige Sekunden, bis alle im Saal verstanden haben, dass die Unruhestifter zum Musical "Keine Ahnung", das Gunther Gräfe mit Jugendlichen aus allen Wehrheimer Ortsteilen in Kooperation mit dem Gospelchor Brothers & Sisters inszeniert hatte, dazugehören.Peter (Paul Gräfe, l.) hat keine Ahnung, auf was er sich einlässt, als er vom Paten Bonzo (Braulio Butsch) das Geld annimmt. Fotos: KonderPeter (Paul Gräfe, l.) hat keine Ahnung, auf was er sich einlässt, als er vom Paten Bonzo (Braulio Butsch) das Geld annimmt. Fotos: Konder

Peter (Paul Gräfe, l.) hat keine Ahnung, auf was er sich einlässt, als er vom Paten Bonzo (Braulio Butsch) das Geld annimmt. Fotos: Konder

Ganz schön viel Tiefgang und noch mehr Sozialkritik wurde an drei Tagen auf die Bühne im Bürgerhaus gebracht, den Zuschauern dabei ein übergroßer Spiegel vorgehalten. 39 Leute steckten hinter dem Stück, dass zwar auf keiner wahren Begebenheit beruhte, aber dennoch die Realität zeigte, in der Jugendliche heute leben.

Druck von der Familie, Druck in der Schule, Druck unter Freunden. Und stets auf der Jagd nach einem neuen Kick, nach der Anerkennung der Gesellschaft, nach ein klein wenig Liebe, halt nach dem, was vielen Kindern und Jugendlichen schlichtweg verweigert wird.

 

"Ich bin halt das ungewollte Kind", meinte Kiffer Felix mit rot unterlaufenen Augen und wirrem Blick, gespielt von Fabia Henrici. Und er fragte schreiend: "Was soll ich tun, damit sie mich einmal anerkennen?" Alles nur gespielt, jedoch – Worte die zu Herzen gingen. Wie so vieles in diesem Stück, dessen Titel stetig wiederkehrte. Peter (Paul Gräfe) hatte "keine Ahnung" wie er an das Geld kommen sollte, das seine Mutter brauchte, damit er mit auf Klassenfahrt fahren kann. Er hatte "keine Ahnung" auf was er sich einließ, als er vom Paten Bonzo (Braulio Butsch) 50 Euro annahm, und er hatte schon gar "keine Ahnung", dass am Ende der bekiffte Verlierer Felix ihm das Leben retten und dabei selbst umkommen würde.

Aber nicht nur das Leben und Leiden der Jugendlichen wurde ins Visier genommen. Denn wer macht das Leben des Nachwuchses wohl so kompliziert? Richtig – die Erwachsenen, vor allem die mit ihrer Doppelmoral, die zu Hause den Moralapostel geben und des nachts mit der Parteigenossin im Auto rummachen – so sah es das Stück vor, in dem nicht eine Sekunde Langeweile aufkam.

"Keine Ahnung" wie wir das hinbekommen haben, hätte Peter wohl wieder mal gesagt, hätte ihn jemand gefragt. Doch wer da war, hat sicher nicht nur "geahnt", warum das so war: Die bewusst überzeichnete Sozialkritik wurde überzeugend von Menschen rübergebracht, die auch im wahren Leben mit der Thematik sicherlich bestens vertraut sind. Gerade mal 12 Jahre war der jüngste und 20 Jahre der älteste Jugendliche auf der Bühne. Dazu kam gute Live-Musik (Daniel Ballmaier am Bass, Wolfgang Diehl an der Gitarre, Gunther Gräfe an den Tasten, Bastian Schütrumpf am Schlagzeug) und vielsagende Liedtexte von G. Wally Gräfe.

Ein sehens- und hörenswertes Stück, das weitaus mehr Zuschauer verdient hätte. Manch einer – Jung wie Alt – hätte sicherlich einiges daraus lernen können.

 

Artikel vom 27. März 2012